Pauillac - Winterpause

Na das war vielleicht ein Reinfall. Gleich die erste Zugfahrt nach Bordeaux brachte es an den Tag. Am Binnenhafen, wo wir eigentlich über die Wintermonate liegen wollten, bot sich uns ein trauriges Bild. Die Schleuse war geschlossen. Naja, nicht ganz. Das innere Tor schon, aber das Außentor stand etwas offen und war total versandet. Da ging nix mehr. Im Hafen lagen die Boote mit dem Heck zur Kaimauer. Alle hatten ihre Gangway, oder was man dazu an Leitern, Bohlen und ähnlichem umfunktioniert hatte, übergelegt. Vorn waren die Schiffe an Mooringbojen fest. Die Kaianlage war, wie viele der Boote auch, in einem heruntergekommenen Zustand. Das Umfeld um der Binnenhafen war wenig vertrauenserweckend und im Hintergrund führte eine vielbefahrene laute Hauptstrasse vorbei.

Alles in allem, kein schöner Winterliegeplatz. Meine Nachfrage bei einem Segler, der, entgegen der meisten Leute hier, etwas Englisch sprach, brachte dann Gewissheit. Der Hafen war gesperrt und bleibt es auch, bis die Baumaßnahmen abgeschlossen sind. Es sollten neue Steganlagen gebaut werden. Rein und raus fand nicht statt und wer drinnen war, musste jederzeit damit rechnen sein Schiff verlegen zu müssen.

Das war's dann mit einem Winterliegeplatz im Binnenhafen von Bordeaux.

Nun hofften wir darauf, dass die Zusage des Hafenmeisters in Pauillac noch Bestand hatte. Sie hatte. Wir waren herzlich willkommen zu bleiben, zahlten unsere Hafengebühren für 5 Monate und blieben.

Gleich am ersten Tag traten wir dem Kulturverein von Pauillac bei. Es war Zufall. Wir sahen das Kulturhaus und gingen in der Erwartung eine Ausstellung zu besuchen hinein. Drinnen erfuhren wir dann von Rachida, einer Mitarbeiterin, dass es sich um einen Kulturverein handelt, der bedürftigen Menschen in allen Lebenslagen hilft. Es werden Kurse veranstaltet, Unterrichte gegeben und man kümmert sich um Menschen die in schwierigen Verhältnissen leben. Um an den Veranstaltungen teilnehmen zu können, muss man Mitglied sein. Die Jahresmitgliedschaft kostet € 10,- pro Person und verlängert sich nicht automatisch.Na, da waren wir dann dabei. Eine tolle Einrichtung, wie wir fanden. Also eingetreten in den Verein und gleich zum Kochkurs angemeldet. Ende November, französisch Kochen.

Das es dann später mit dem Kochkurs nichts werden sollte, ahnten wir da noch nicht.

In der kleinen Stadt und im Hafen lebten wir uns schnell ein. Mit unseren drei Worten französisch kamen wir relativ gut klar. Alle waren nett und hilfsbereit. Auch wenn Englisch als Fremdsprache hier eher nicht geläufig war, konnten wir uns doch irgendwie mit allen verständigen.

Im Hafen trafen wir dann auf Philippe, Sophie und ihre Kinder Indi (13), Nahuell (11), Isaie (9), Yaell (6), Abigael (4) und Sahell (2). Sie waren mit zwei kleinen Segelbooten kurz nach uns im Hafen von Pauillac angekommen. Das eine kleine Boot wurde von den Eltern mit den beiden jüngsten Töchtern gefahren, das andere fuhr unter dem Kommando von Captain Indi mit seiner Mannschaft Nahuell, Isaie und Yaell. Wir sahen wie beide Boote mit der starken Strömung im Hafen kämpften, es aber trotzdem schafften ganz souverän und sicher an unserem Steg anzulegen. Natürlich hilft man, wenn andere anlegen und so waren wir dabei. Sofort kamen wir ins Gespräch. Philippe sprach gut Englisch und erzählte uns, dass sie, genau wie wir aus La Rochelle kämen. Sie hätten unser Schiff dort schon gesehen und bewundert. So kam es, dass wir die Familie zu uns an Bord einluden. Der Beginn einer tollen Freundschaft.

So vergingen die ersten Tage in Pauillac. Wir fanden heraus, dass der Bus nach Bordeaux nur unwesentlich länger brauchte als die Bahn, aber wesentlich günstiger war. Außerdem fuhr der Bus an ganz vielen tollen Chateaus vorbei. Er sollte von da ab unsere Verbindung nach Bordeaux werden. Im Hafen lernten wir immer mehr Leute kennen. Viele Bootsbesitzer kamen mal "zufällig" am letzten Liegeplatz des hintersten Stegs "vorbei" und mit uns ins Gespräch. Mit Phil & Family trafen wir uns nahezu täglich. Doch die Familie wollte noch weiter. Mit den beiden kleinen Segelbooten, bei den die Masten schon gezogen und eingelagert waren, sollte es unter Motor noch über Bordeaux in den 'Canal Du Midi' und von dort ins Mittelmeer gehen. Ein Termin für die erste Canal-Schleuse stand auch schon fest und so kam der Tag des Abschieds. Wir halfen natürlich beim Ablegen. Ein Freund von Phil war auch noch da. Es war gerade Niedrigwasser. Für uns wäre es viel zu flach zum Auslaufen gewesen. Die beiden kleinen Boote hatten damit aber kein Problem. Mit der Flut wollten sie die Gironde hinauf nach Bordeaux und weiter zum Canal fahren. Phil fuhr mit seinem Boot vorweg und Captain Indi folgte. Dann passierte es! Der Außenborder an Phil's Boot blieb direkt im Bereich der Hafenausfahrt stehen! Phil versuchte in wieder zu starten, aber nach ein paar Umdrehungen war das Ding wieder aus. Das Boot wurde von der Strömung in den Flachwasserbereich gedrückt und kam schon leicht mit dem Kiel im Schlick fest. Indi reagierte sofort, lenkte auf das Boot seines Vaters zu und gab seinen Geschwistern Kommandos. So gelang es Ihm und seiner Crew eine Leine zu übernehmen und das Boot des Vaters frei zu schleppen. Es ging nun  erst einmal zurück in den Hafen. Wir riefen Ihnen zu, dass sie das havarierte Boot längsseits zur 'Tharos' schleppen und dort festmachen sollen. Die Strömung im Hafen hätte wohl auch nichts anderes zugelassen. Ganz professionell schleppte Indi das andere Boot in Position und wir machten es an der 'Tharos' fest. Indi legte sein Boot am Steg an. Die Situation war erst einmal bereinigt.

Nun ging es an die Fehlersuche. Phil schraubte den halben Außenborder auseinander. Ich half vom Schlauchboot aus und sein Freund telefonierte mit einem Mechaniker. Es war Samstag Nachmittag. Doch der Mechaniker hatte noch Zeit. Also zogen wir das Boot von Hand um das Heck der 'Tharos' herum an den Steg und bauten den Außenborder ab. Phil und Freund fuhren damit zum Mechaniker. Mit gesäubertem und überprüftem Motor kamen sie zurück, doch das Ding wollte immer noch nicht. Mit dem Pumpball Sprit aus dem Tank zum Motor gepumpt, lief der Motor ein paar Sekunden und ging dann aus. Dann fand Phil den Fehler. Der Benzinschlauch war's. Außen sah man dem Ding nicht an, dass die Innenbeschichtung sich gelöst hatte. Immer wenn man mit dem Pumball Druck auf den Schlauch gepumpt hatte, lag die Beschichtung an und der Sprit floss. Doch dann kam der Moment, wo der Motor anfing den Sprit anzusaugen, die Beschichtung löste sich, wurde zusammengesaugt und es kam kein Benzin mehr durch. Ein neuer Schlauch musste her. Da konnte ich helfen. Ich hatte noch genügend Reserve dabei und half Phil mit einem Stück aus. Eingebaut. Motor lief! Super!

Doch nun war es für die Familie zu spät um noch loszufahren. Am nächsten Morgen loszufahren hätte dann auch nichts mehr gebracht, denn den Termin bei der Schleuse hätten sie nicht mehr einhalten können. Das bedeutete zwei Wochen warten auf einen neuen Termin. Man beschloss die Zeit im Hafen von Pauillac abzuwarten.

In dieser Zeit lernten wir uns immer besser kennen, trafen uns häufig und es entstand eine tolle Freundschaft.

Phil machte es dann möglich, dass wir mit zu einer 'letzten Weinlese' auf ein Weingut in St. Christoly kommen durften. Er hatte bereits eine Einladung für sich und seine Familie dorthin und organisierte, dass wir auch mitkommen durften. An einem verregneten Sonntag stampften wir dann, zusammen mit Sophie, Phil und den Kindern, mit Eimer und Gartenschere bewaffnet, durch einen Weinstock und knipsten die letzten Trauben ab. Gesammelt wurde alles in einem großen Fass auf einem Pferdewagen, in welches wir unsere Eimer entleerten. Ein toller Spaß, auch wenn das Wetter unangenehm naß und kalt war. Nach 2 Stunden ging es dann aber schon zu Weingut. Hier gab es einen Aperitif, ein tolles Essen und anschließend wurden die von uns gepflückten Trauben gepresst. Ein toller Tag. Hätten wir uns doch nie träumen lassen, dass wir mal im berühmtesten Weinbaugebiet der Welt in einem Weinstock Trauben ernten würden.

Der Tag klang dann langsam aus, wir hatten viele nette Leute kennengelernt, Traubensaft bekommen und von Phil's Freund eine Einladung zum Grillen für den nächsten Sonntag erhalten. 

Auf dem Grillfest in St. Christoly waren wir wieder in einer großen Gesellschaft, trafen Leute aus Pauillac, denen unser Schiff im Hafen schon aufgefallen war, und lernten Bergitta und Karlheinz kennen. Die beiden sind vor knapp 30 Jahren nach Frankreich ausgewandert und leben in St. Christoly. Nach dem Grillfest luden Sie uns zu sich nach Hause zum Kaffee ein. Es war einfach nur schön. Wir blieben in Kontakt und es wurde eine tolle Freundschaft mit den beiden. Auch wenn wir unseren Winteraufenthalt in Pauillac für mehrere Wochen unterbrechen mussten, sobald wir wieder am Schiff waren, trafen wir uns mit den Beiden und genossen die tolle Zeit mit ihnen.

 

Eigentlich hatten wir ja geplant, nur kurz über die Weihnachtstage nach Hamburg zu fahren, dann mit dem Bulli zurück zum Schiff, ein paar Bulli-Touren nach Spanien machen und dann den Bulli im März zurück bringen, um im April weiter zu segeln. Es kam leider ganz anders. Meine Mutter wurde schwer krank. Wir fuhren schon Ende November zurück. Der geplante Kochkurs fiel ins Wasser.

Die Krankheit meiner Mama verschlimmerte sich. Weihnachten war eine sehr schlimme Zeit. Im neuen Jahr musste meine Mutter in eine Pflegeeinrichtung umziehen. Wir blieben in Hamburg, organisierten alles, lösten die Wohnung meiner Mutter auf und kümmerten uns um sie, so gut es ging. Als alles geregelt war, fuhren wir dann doch noch mit dem Bulli zum Schiff, denn ein paar sperrige Dinge mussten dort hin und andere wieder zurück. Für einen kurzen Abstecher nach Spanien hat es auch noch gereicht; doch dann kam ein trauriger Anruf von der Pflegeeinrichtung. Meiner Mutter ging es viel schlechter und man ließ sie ins Krankenhaus bringen. Wir packten unsere Sachen und fuhren sofort zurück. In Hamburg waren wir dann jeden Tag bei meiner Mutter im Krankenhaus. Sie lag im Koma. Ob sie uns noch wahrgenommen hat weiß ich nicht. Ich hoffe es. Am 18. März ist meine Mama dann gestorben.

An dieser Stelle, in dieser Rubrik, genug berichtet. In der Rubrik 'Zwischen-Reisen' steht etwas mehr zu unseren Aufenthalten in Hamburg, aber auch zu unserer Bulli-Tour nach Nordspanien.

 

Die letzten Tage im März und April, mit einer kurzen 'Zwischen-Reise', haben wir dann damit verbracht die 'Tharos' wieder startklar zu machen und es genossen uns zwischendurch immer mal wieder mit unseren Freunden Bergitta und Karlheinz zu treffen. Einfach toll die Beiden.

 

Am 22. April war es dann soweit. Wir haben den Hafen von Pauillac, die kleine Stadt und die tollen Menschen dort, verlassen. Es ging die Gironde hinunter Richtung 'Pointe de Grave', um die Landspitze herum, Richtung Süden, Richtung 'San Sebastián' in Nordspanien. 

... "Tharos wieder unter Segeln!"   ... aber DAS! ist ein neues Kapitel.

 

An dieser Stelle möchten wir uns aber noch bei der netten Hafen-Crew von Pauillac bedanken:

 

'Vielen Dank, für Eure tolle Unterstützung!'   -   'Merci beaucoup pour votre soutien!'

 

Pauillac

Phil & Family - Weiterfahrt mit Hindernissen ...

Letzte Weinlese in St. Christoly ... und wir waren dabei

Phil & Family - ... nun aber ... Weiterfahrt über Bordeaux zum 'Canal du Midi'

Bordeaux